16. Potentielle äußere Feinde Deutschlands auf europäischer Ebene

Die zweite – europäische – Dimension des potentiellen äußeren Feindes, welche als Opfer-Täter-Verschiebungsmuster in der Krise zu neuem Leben erwachte, wurde seit der Gründung der EGW 1957 in deutscher Großkotzigkeit politisch aufgeladen: Wir sind die ewigen Nettozahler der EG (EU). Als Steilvorlage fürs Volk und die Medienmaschine: Wir sind das Opfer und die Südländer leben auf unsere Kosten. Oder: Wir arbeiten fleißig und wirtschaften solide und dürfen dafür dann die anderen disziplinlosen EU-Länder aufpäppeln.

Stets waren die Bürokraten in Brüssel schuld an der „Geldverschwendung“ der EG, insbesondere das „verlorene Jahrzehnt“ vor 1985 mit der Explosion der EG-Agrarsubventionen wurde diesen angelastet und nie erklärt, dass die BRD hiermit den von Zöllen und Handelsbarrieren bereinigten EU-Binnenmarkt für seine Industrieexporte in die EG-„Partnerländer“ 'erkaufte'. 50 Jahre lang variationsreich eingeträufelt, kam die feudale deutsche Opferrolle akzentverschoben zu sich selbst.

Denn die deutsche Dominanz in Europa wie auch die „Exportweltmeisterschaft“ sind zunächst Ausdruck vernichteter Konkurrenten, also eine historische Täterschaft. Diese Form von Täterschaft wurde von der deutschen Bourgeoisie mit Zahlungen und Krediten auf den Knochen der Malocher erkauft. So wurden die unterentwickelten EU-Nationen erst zum Einkäufer deutscher Waren im Massenmaßstab. Die Art von Täterschaft lässt keine Schuldzuweisungen von anderer Seite befürchten, sondern den bürgerlichen Stolz anschwellen. Hierbei geht unter, dass die Zeche für die EU-Krise von der Gesamtheit der eigentumslosen, lohnabhängigen Klasse aller europäischen Länder ausgebadet werden wird. Das Fatale ist, dass aktuell jede nationale Arbeitsarmee meint, ihren Vorteil zu wahren, indem sie den anderen die Butter vom Brot nehmen lassen will. Dass ihre unkoordinierten nationalen Widerstandsaktionen gegen die jeweils einzelne nationale Austeritäts-Politik nach und nach aufgerieben werden, wissen sie zwar, besinnen sich bisher jedoch nicht auf koordinierten gesamteuropäischen Widerstand.

 

Auf dem Hintergrund dieses völkischen „Nationalbewusstseins“ standen seit der heißen Phase der so benannten Staatsschuldenkrise 2011 aus deutscher Lohnarbeiter-Wirtschaftsbürger-Perspektive die ersten Täter fest, die Schuld tragen an den unüberblickbaren „Finanzmarktkrisen“. Selbstverständlich stehen wieder einmal die Banker, Spekulanten und Finanzhaie unter kollektivem Generalverdacht, das Ganze eingebrockt zu haben.

 

Dann waren es erst einmal aktuell die Griechen, die dem Rest Europas und insbesondere den Deutschen ein Bein gestellt haben sollen durch ihr feist-faules Dauer-am-Strand-liegend-deutsche-Eiskrem-schleckend. Dann die Portugiesen, Spanier, Italiener, danach die Zyprioten – wer weiß, was diese alles auf unsere Kosten verbraten haben. Die Deutschen sehen sich in diesem Wirrwarr von Gerüchten und Halbwahrheiten als fleißige EU-Melkkuh-Nation in der unschuldigen Opferrolle – trotz ihrer objektiven historischen Täterschaft des Niederkonkurrierens anderer Volkswirtschaften. Welche Euro-Länder noch zu 'Tätern' mutieren werden, ist nicht ausgemacht. Wie lange sie 'Täter' sein werden, lässt sich nicht sagen und mit welchem Ausgang auch nicht. Jedenfalls kann der staatliche Apparat auf sein Volk in der jetzigen politischen Verfasstheit zählen, falls es der deutschen Politik günstig erscheint, missliebige EU-Länder, die nicht nach deutscher Pfeife tanzen wollen1, propagandistisch unter Feuer zu setzen. Die staatliche Propaganda vermag den hässlichen Deutschen von der Leine zu lassen, weil er voll mit Ressentiments gegen ausgemachte potentielle „Täternationen“ steckt – die es aus Neid darauf absehen, uns Deutschen ständig am Zeug flicken zu wollen. Seit sich die Verbreitung der Ansicht vom „hässlichen Deutschen“ 2013 in vielen EU-Ländern Bahn brach, zeigt die deutsche Journaille selbstgefällig mit dem Finger auf die Spitzenpolitiker der „Partner“-länder, diese würden das Ganze anheizen:

 

Die Regierung des Obereuropäer Jean-Claude Juncker erteilte damit dem Vorwurf gegen Deutschland den regierungsamtlichen Segen: Berlin wolle dem Rest Europas sein Modell aufzwingen. Hier zeigt sich, wie weit das Vertrauen unter den Europäern schon beschädigt ist. Kurz ist der Weg zur gezielten Wiederbelebung von Vorurteilen zum Zweck der Einschüchterung.“2

 

Also: die anderen wollen uns einschüchtern und nicht umgekehrt: Deutschland schüchtert die „Partner“ tatsächlich seit 1989 ständig ein, hat deren Vertrauen durch Deutschlands Außenpolitik sukzessive verloren und zwingt ihnen mit ständigen Reformforderungen sein 'wettbewerbsorientiertes' Industrie-Exportmodell faktisch auf. Täter-Opfer-Verschiebung nach deutscher Art pur. Kein Wunder, dass die „Partner“ das verschobene Selbstbewusstsein der Deutschen an vergangene Zeiten erinnert: ein namhafter reaktionärer deutscher Historiker, der als jahrzehntelanger notorischer Talk-Show-Krawaller eingeladen wird, sagte auf dem Festakt des „Tag der Heimat“ des „Bundes der Vertriebenen“ 2013, dass die Deutschen „das vielleicht bedeutendste Volk Europas“ sei und sagte bei dieser Gelegenheit die Rückkehr zum Absingen der ersten Strophe des Deutschlandliedes voraus.

 

Wie er „behauptete, litten 'die Deutschen' zur Zeit unter einer kollektiven 'psychischen Schädigung', die sich darin äußere, dass sie die Abtretung der früheren Ostgebiete des Deutschen Reichs nicht als einen schweren Verlust für die 'deutsche Seele' begriffen.“3

 

Deutschland wird die historische Kontinuität seiner Arroganz durchbrechen müssen, um bei den EU-Staaten nicht als zu offensichtlich hässlich anzukommen4.

 

Im Worst Case eines drohenden Auseinanderbrechens der Euro-Zone oder gar der EU im Zuge einer Vertiefung der umfassenden Krise des Weltmarkts mit dem drohendem Zerfall europäischer Nationalstaaten wird Deutschland zu schärferen propagandistischen Mitteln greifen müssen, um die errungene ökonomische Vormachtstellung in Europa politisch abzusichern.5 Ob sich dann das Kohl'sche Orakel der 'Einheit Europas oder Krieg' der Hauptmächte Europas als bloße deutsche Drohung offenbaren wird? Ob das deutsche Volk seinen Herrschaften folgt in den Feindzuweisungen beim zuerst Europa und dann die ganze Welt, oder ob die beherrschte Klasse in Deutschland dagegen entschiedenen Widerstand entwickeln wird, entscheidet auch beim dritten deutschen Anlaufversuch zu einer Weltmachtrolle die europäische Geschichte gravierend. Wenn überhaupt, dann vermag nur das Proletariat des deutschen Standorts selbst durch die Aufkündigung der Volksgemeinschaft die erneute Hässlichkeit Deutschlands im Verein mit den anderen nationalen Abteilungen des Proletariats zu verhindern.

 

1 Wo es doch üblich ist, dass derjenige, der bezahlt, auch die Musik bestimmt, nach der alle tanzen müssen.

 

2 Martin Winter, Europa – Auf sie mit mit Gebrüll, Süddeutsche Zeitung 02.04.2013

 

3 Der Historiker und Publizist Arnulf Baring laut: German-Foreign-Policy, Newsletter vom 26.08.2013 - "Das bedeutendste Volk Europas" http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58671

 

4 Jürgen Habermas plädierte in einem Essay als Deutschlands Top-Philosoph für die deutsche Rolle des gütigen Hegemons, in: Essay von Jürgen Habermas, Europa am Scheideweg Handelsblatt 18.06.2011

 

5 So sah das Kräfteverhältnis im Nov. 2011 aus: Newsletter vom 01.11.2011 - Europa auf deutsche Art (II)

BERLIN/FRANKFURT AM MAIN (Eigener Bericht) - Nach dem deutschen Sieg auf dem Euro-Krisengipfel bereitet Berlin die nächsten Schritte zum Ausbau seiner Hegemonie über Europa vor. Möglichst rasch soll die Option in den EU-Verträgen verankert werden, direkt in die nationalen Etats verschuldeter Staaten eingreifen zu können. Das entzöge Kernbereiche staatlichen Handelns der demokratischen Kontrolle und öffnete besonders die südlichen Euroländer auf Dauer einem direkten Zugriff Berlins. Zugleich treibt die Bundesregierung den Umbau der Eurozone zu einem zukünftigen Kerneuropa voran. Bereits letzte Woche wurden die Nicht-Eurostaaten - darunter Großbritannien – von bedeutenden Gipfelentscheidungen ausgeschlossen. Damit entstehe eine Art Zwei-Klassen-Europa, urteilen Experten und warnen angesichts der deutschen Dominanz, Berlin dürfe nicht "das neue Brüssel" werden. Deutsche Medien begleiten den Berliner Gipfelsieg mit lautem Jubel sowie mit teilweise unverhülltem Chauvinismus, der den Charakter der durchbrechenden Herrschaft Berlins erahnen lässt.“

Mehr http://www.german-foreign-policy.com/de/fulltext/58188

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