14.2. Zu den Verkehrungen des Bewusstseins unter verallgemeinerten Kapital- und Lohnarbeitsverhältnissen und deren Grundlage für die Shoah

Worin bestehen denn die nichtidentischen Momente der Shoah, die über die funktionelle politisch-ökonomische Analyse des NS hinausweisen? Es handelt sich zunächst um bisher nur sporadisch aufgeworfene Kategorien der Allgemeinheit der Ideologiegrundlage der bürgerlichen Produktionsweise selbst und somit auch des NS.

 

Es geht hierbei um die Kategorie der Allgemeinheit der Bewusstseinsformen, die Gesellschaften hervorbringen, in denen sich das Kapitalverhältnis und somit die kapitalistische Lohnarbeit als verallgemeinertes gesellschaftliches Produktionsverhältnis durchgesetzt haben.

Die entwickelte bürgerliche Welt steht in den Köpfen ihrer Akteure auf dem Kopf und die resultierende verdrehte Sicht beherrscht die menschlichen Köpfe und ihr Handeln wie eine zweite, scheinbar unhinterfragbare, gesellschaftliche Natur. Wie und warum dies geschieht, entfaltet Marx entlang der mit der Analyse des Kapitals einhergehenden Gründe für die Umkehrungen des Denkens in den Köpfen der Akteure.

 

Da Marxens Worte immer noch der klarste und konzentrierteste Quell zur Entmystifizierung der gesellschaftlichen Verhältnisse sind, sei nachfolgend aus Kapital Band I sowie III zitiert:

 

Woher entspringt also der rätselhafte Charakter des Arbeitsprodukts, sobald es Warenform annimmt? Offenbar aus dieser Form selbst. Die Gleichheit der menschlichen Arbeiten erhält die sachliche Form der gleichen Wertgegenständlichkeit der Arbeitsprodukte, das Maß der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft durch ihre Zeitdauer erhält die Form der Wertgröße der Arbeitsprodukte, endlich die Verhältnisse der Produzenten, worin jene gesellschaftlichen Bestimmungen ihrer Arbeiten betätigt werden, erhalten die Form eines gesellschaftlichen Verhältnisses der Arbeitsprodukte.

 

Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesellschaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenständen. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinnlich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. ... (Dagegen) hat die Warenform und das Wertverhältnis der Arbeitsprodukte, worin sie sich darstellt, mit ihrer physischen Natur und den daraus entspringenden dinglichen Beziehungen absolut nichts zu schaffen. Es ist nur das bestimmte gesellschaftliche Verhältnis der Menschen selbst, welches hier für sie die phantasmagorische Form eines Verhältnisses von Dingen annimmt. Um daher eine Analogie zu finden, müssen wir in die Nebelregion der religiösen Welt flüchten. Hier scheinen die Produkte des menschlichen Kopfes mit eignem Leben begabte, untereinander und mit den Menschen in Verhältnis stehende selbständige Gestalten. So in der Warenwelt die Produkte der menschlichen Hand. Dies nenne ich den Fetischismus, der den Arbeitsprodukten anklebt, sobald sie als Waren produziert werden, und der daher von der Warenproduktion unzertrennlich ist.“1

 

Der Grund, die Grundlage, die Ursache dieser gesellschaftlichen Entwicklung ist das kapitalistische Privateigentum an sämtlichen Produktionsbedingungen, das den Arbeitsprodukten der arbeitsteiligen, unabhängigen Privatarbeiten die Waren- und Wertform aufprägt. Hinter dem Rücken der Produzenten hat sich der gesellschaftliche Charakter ihrer Privatarbeiten in Eigenschaften gesellschaftlicher Dinge gewandelt. Die Waren liegen ihren Eigentümern stets in den Ohren: Los, wirf mich auf den 'Markt' und tausche mich gegen Geld! Die Verwandlung des Arbeitsproduktes zu Ware erzeugt den Fetischismus der Ware als den Produzenten beherrschende gesellschaftliche Macht. Diese Grundfigur des Fetischismus der bürgerlicher Produktionsweise generiert weitere auf sie aufbauende Fetischformen, die Marx in seiner Formanalyse des Kapitals nach und nach entfaltet.

 

Der innere Widerspruch der einzelnen Waren, gleichzeitig Gebrauchswert und Wert zu sein, findet die Bewegungsform zu seiner Lösung durch die Heraussetzung einer Geldware zum Geld als allgemeinem Äquivalent. Die ausgesonderte Geldware wird als Geld somit zur allgemeinen Ware, mittels der alle einzelnen Waren eingetauscht werden können. Analytisch fasste Marx dies als sich bis zur Geldform entfaltende Wertformen der Ware. Im Austauschprozess verdoppelt sich Ware zu Ware und Geld. Diese Verdoppelung setzt den inneren Widerspruch des Doppelcharakters der Ware zum äußeren Gegensatz. Der innere Widerspruch der Ware hat sich aufgehoben, indem er sich auf zwei zusammengehörige äußere Pole verlagert: Ware ist Geld. Der sinnliche Warenkörper und sein Gebrauchswert werden mit einer übersinnlichen gesellschaftlichen Hieroglyphe als Wert-Zeichen, dem Preisschild versehen.

 

Der Fetischcharakter der Ware setzt sich in der ausgebildeten Geldform zum Geld-Rätsel heraus. Die Agenten dieser Produktionsweise erfahren das Geld als bloßes Ding, die Nationalökonomen kennen es nur von der quantitativen Seite und scheren sich einen Dreck um dessen qualitativen Grund. Im Geld ist jedes Produktionsverhältnis ausgelöscht ist, vor allem seine Qualität, die Inkarnation gesellschaftlicher Arbeit zu sein. Hiermit löste Marx das Geld-Rätsel auf. Die Tatsache, dass die Arbeitsprodukte die Waren- und Wertform annehmen und sich gegen Geld tauschen, wird unter verallgemeinerten Kapitalverhältnissen als naturgegeben angesehen. Das wird in der Kritik als unverstandene zweite gesellschaftliche Natur gefasst, die über die Menschen herrscht und deren spezifischen Zweck-(Irr-)Rationalität sie folgen müssen, wenn sie nicht untergehen wollen.

 

Der gemeine Menschenverstand deutet das Geldrätsel so: 'Geld regiert die Welt'. Durch die scheinbar profane dingliche Gestalt des Geldes wird die Herrschaft des Kapitals und das Geheimnis der Plusmacherei verdeckt. Geld wird erst Kapital, wenn es Arbeitskraft und Produktionsmittel einkauft, letztere durch erstere in der Produktion in Gang setzen lässt und die hergestellten Waren mit einem Überschuss über das vorgeschossene Kapital hinaus losschlägt. Mit gelungener Verwertung des Kapitalwerts akkumuliert das Kapital für den nächsten Produktionszyklus. Gelingt diese Bewegung nicht kontinuierlich, geht das betroffene Einzelkapital unter.

Kapital verwandelt sich zu Geld nur in der Zahlung des Lohnes und damit als Malochers Zahlungsmittel für den proletarischen Warenkorb, dann verwandelt es sich in den Händen des Kaufmanns sogleich wieder in die Form des Warenhandlungskapitals.

 

Der gemeine Menschenverstand verfällt der Illusion des oberflächlichen Scheins, dass der eingeheimste Profit aus der Zirkulation der Waren kommt. Was zur Voraussetzung hätte, dass jeder Warenverkäufer seine Geschäftspartner ständig übervorteilt – ein logischer Kurzschluss, der sich selbst ausschließt. Dass der Profit Teil des Mehrwerts ist, der der Verausgabung der besonderen Ware Arbeitskraft entspringt, weil deren Gebrauchswert fürs Kapital darin besteht, durch ihre Nutzung Mehr-Wert zu setzen, als dem Wert der Arbeitskraft entspricht, entgeht den Akteuren – der schöne Schein des Fetischs Kapital, sich in seiner Kreislaufform auf mystische Weise selbst zu vermehren, ist für sie undurchdringlich.

 

Die Wandlung des Werts der Ware Arbeitskraft zum Arbeitslohn suggeriert, dass der Arbeiter für seine „Arbeit“ bezahlt wird und zwar für die gesamte geleistete Arbeitszeit. Dadurch wird die Tatsache verdeckt, dass der Malocher nicht für seine „Arbeit“ bezahlt wird, sondern seine eingekaufte und vernutzte Ware Arbeitskraft entlohnt wird. Auf dem Wege wird ausgeblendet, dass er für das Äquivalent seines Lohnes nur den geringsten Teil seiner Arbeitszeit aufwendet und die meiste Arbeitszeit unbezahlte Mehrarbeit für den Kapitalisten leistet, welche dieser sich beim Verkauf der Waren als umgewandelten Mehrwert in der Gestalt des Profits aneignet. Unter dem stummen Zwang der Verallgemeinerung der Lohnarbeit wird das Verhältnis von Kapital und Lohnarbeit durch die Wirkung des Lohnfetischs von allen Akteuren als naturgegeben angenommen.

 

Die Lösung des Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit über die Verteilung des durch die Arbeitskraftverausgabung erzeugten Neuwerts zwischen Lohn und Profit erscheint als Aufgabe staatlicher und gewerkschaftlicher Regulierungen entsprechend der Phrase vom 'Gerechten Lohn' und nicht als ureigenste Frage des Klassenkampfs.

 

Der Fetischismus der Ware entfaltet sich also über den Geldfetisch zum Kapitalfetisch und Lohnfetisch bis hin zu deren zusammenhängenden trinitarischen Formel:

 

Im Kapital - Profit, oder noch besser Kapital - Zins, Boden - Grundrente, Arbeit - Arbeitslohn, in dieser ökonomischen Trinität als dem Zusammenhang der Bestandteile des Werts und des Reichtums überhaupt mit seinen Quellen ist die Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise, die Verdinglichung der gesellschaftlichen Verhältnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen Produktionsverhältnisse mit ihrer geschichtlich-sozialen Bestimmtheit vollendet: die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere und zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk treiben. Es ist das große Verdienst der klassischen Ökonomie, diesen falschen Schein und Trug, diese Verselbständigung und Verknöcherung der verschiednen gesellschaftlichen Elemente des Reichtums gegeneinander, diese Personifizierung der Sachen und Versachlichung der Produktionsverhältnisse, diese Religion des Alltagslebens aufgelöst zu haben, indem sie den Zins auf einen Teil des Profits und die Rente auf den Überschuß über den Durchschnittsprofit reduziert, so daß beide im Mehrwert zusammenfallen; indem sie den Zirkulationsprozeß als bloße Metamorphose der Formen darstellt und endlich im unmittelbaren Produktionsprozeß Wert und Mehrwert der Waren auf die Arbeit reduziert. Dennoch bleiben selbst die besten ihrer Wortführer, wie es vom bürgerlichen Standpunkt nicht anders möglich ist, mehr oder weniger in der von ihnen kritisch aufgelösten Welt des Scheins befangen und fallen daher alle mehr oder weniger in Inkonsequenzen, Halbheiten und ungelöste Widersprüche. Es ist dagegen andrerseits ebenso natürlich, daß die wirklichen Produktionsagenten in diesen entfremdeten und irrationellen Formen von Kapital - Zins, Boden - Rente, Arbeit - Arbeitslohn sich völlig zu Hause fühlen, denn es sind eben die Gestaltungen des Scheins, in welchem sie sich bewegen und womit sie täglich zu tun haben. Es ist daher ebenso natürlich, daß die Vulgärökonomie, die nichts als eine didaktische, mehr oder minder doktrinäre Übersetzung der Alltagsvorstellungen der wirklichen Produktionsagenten ist und eine gewisse verständige Ordnung unter sie bringt, grade in dieser Trinität, worin der ganze innere Zusammenhang ausgelöscht ist, die naturgemäße und über allen Zweifel erhabene Basis ihrer seichten Wichtigtuerei findet. Diese Formel entspricht zugleich dem Interesse der herrschenden Klassen, indem sie die Naturnotwendigkeit und ewige Berechtigung ihrer Einnahmequellen proklamiert und zu einem Dogma erhebt.

 

In der Darstellung der Versachlichung der Produktionsverhältnisse und ihrer Verselbständigung gegenüber den Produktionsagenten gehn wir nicht ein auf die Art und Weise, wie die Zusammenhänge durch den Weltmarkt, seine Konjunkturen, die Bewegung der Marktpreise, die Perioden des Kredits, die Zyklen der Industrie und des Handels, die Abwechslung der Prosperität und Krise, ihnen als übermächtige, sie willenlos beherrschende Naturgesetze erscheinen und sich ihnen gegenüber als blinde Notwendigkeit geltend machen. Deswegen nicht, weil die wirkliche Bewegung der Konkurrenz außerhalb unsers Plans liegt und wir nur die innere Organisation der kapitalistischen Produktionsweise, sozusagen in ihrem idealen Durchschnitt, darzustellen haben.“2

 

Diese Trinität, die die Volkswirte als die drei unabhängigen Produktionsfaktoren naturalisieren, verschleiern in ihrer irrationalen Personifizierung und Verdinglichung die bürgerlichen Verhältnisse vollständig. Das Kapital – als sich selbst verwertender Wert – erscheint als verselbstständigtes, automatisches Subjekt und seine Protagonisten geraten als Charaktermasken des Kapitals und der Lohnarbeit zum Objekt – zum lebenden Anhängsel der Maschinerie als dingliche Gestalt des Kapitalverhältnisses. Diese herrscht als aufgehäufte tote Arbeit über die lebendige Arbeit und saugt die lohnabhängige Klasse vampirmäßig aus. Als zinstragendes Kapital erscheint das Kapital als reinstes Mysterium: als Geld heckendes Geld. Der Volksmund sagt: 'Geld arbeitet'. Das ganze Arsenal von Verkehrungen des oberflächlichen Scheins der Zirkulations- und Verteilungsverhältnisse wurde zur zweiten gesellschaftlichen Natur der Moderne, die die grundlegenden Produktionsverhältnisse verschleiern.

 

Die das bürgerliche Denken und Handeln bestimmende Zweckrationalität kapitalistischer Reproduktion ist also längst zur zweiten, im Merkel-Speech „alternativlosen“, gesellschaftlichen Natur aller Akteure geworden. Alle staatlichen, gesellschaftlichen und persönlichen Mittel werden für den „nützlichen“ Zweck eingesetzt, das Kapital zu vermehren. „Gewinn machen ist sozial!“ Gelingt es nicht, durch „Wachstum“ den „Reichtum der Nation“ regelmäßig zu mehren, gerät die gesamte Gesellschaft in die Bredouille oder gar aus den Fugen.

 

Den Akteuren erscheint es auf Grund der Naturalisierung zunächst so, dass es der Zweck der Produktion sei, die Gesellschaft mit „Gütern“ zu versorgen und dass die Politik dafür da ist, dass die lohnabhängige Klasse genug Geld in der Tasche hat, sich die „Güter“ leisten zu können. In Momenten ohnmächtigen psychischen Einbrechens als technisch versierte Termite gestehen sie ein, dass sie sich als verwaltete, kontrollierte bloße Nummer eines unverstandenen großen Getriebes erleben. Und dass sie wissen, jederzeit ersetzbar zu sein und die Zukunft ihnen Sorge macht. Sie sprechen aus, dass die Produktion nur des Profits wegen geschieht und gefressen werden muss, was das Kapital ihnen ungefragt in den Warenkorb legt.

 

Sie sprechen damit aus, dass der scheinbar natürliche Inhalt jedweder menschlicher Produktion – die materielle und immaterielle Reproduktion der Individuen und der Gesellschaft – umgeschlagen ist in sein Gegenteil zu einer Produktionsweise, in der der Inhalt und Zweck der Produktion – Produktionsmittel, Lebensmittel und das menschliche Arbeitsvermögen als Arbeitskraft – in den Formen des Kapitals zum Mittel weiterer Produktion von Profit degradiert wurden und die bloße Form des Kapitals sich zum einzigen Inhalt und Zweck gesetzt hat. Die „Wirtschaft“ des Kapitals ist nichts anderes als Selbstzweck maßloser Selbstverwertung des Kapitals mit all ihren immanenten zyklischen Krisenerscheinungen. Das Kapital ist zu Gott Vater geworden, das aus sich selbst seinen Sohn, den Zins, heraus zu setzen scheint, indem es die „Arbeit“ seiner Götzendiener einsaugt, um nach der Vereinigung mit dem erpressten Zinstribut als gestärkte Gottheit wieder neu noch mehr Malocher unter das Joch der Lohnsklaverei zu zwingen. Und all wir erbärmlichen Kreaturen sind heilfroh, wenn wir in einem der gut ausgestatteten national-völkischen Wirtschaftsbötchen einen warmen Schlafplatz und „gute“ Maloche finden, um den im Warenkorb vorgefundenen Plunder geizgeil zu ergattern3.

 

Diese scheinbar alternativlose Hamsterradgeschichte, wo es dem letzten „Marktwirtschaftler“ dämmert, dass sich der Reichtum der Bourgeoisie rasant vermehren muss und die Armut der Lohnabhängigen ebenso, versetzt die Staatsbürger regressiv in den Aberglauben an die Allmacht des Vater Staat, um das Kapital als sich selbst setzendes, quasi automatisches Subjekt zu zügeln. Der in der Krise grassierende Staatsfetischismus ist die Krönung der Fetischgestalten der bürgerlichen Gesellschaft. Dementsprechend werden z.B. die Interessen der deutschen Bourgeoisie und des gesellschaftlichen Gesamtkapitals mythisch verdreht verdolmetscht als „Deutschlands Interessen“. Vater Staat sitzt wie die ewige Gottheit scheinbar fest auf seinem Thron – nur die Politiker sind unfähig, richtige Politik zu machen! Es sei denn, die widersprüchlichen Interessen der Mehrheit sind krisengetrieben so groß, dass sie sich einen Staats-Führer suchen, der ihnen mit seinen Allmachtsphantasien „fähig“ erscheint, ihre eigenen Allmachtsphantasien per starkem Staat zu erfüllen.

 

Die vorstehenden Marx'schen Entmysthifizierungen der “Vernunft“ des Zweckes heutigen politisch-ökonomischen Handelns verweisen auf dessen reinsten Irrationalismus. Und sie lassen begreifen, wie die gesellschaftlichen Verhältnisse versachlicht und verdinglicht werden und die Sachen personifiziert werden. Mit diesen allgemeinen Erkenntnissen zur instrumentellen Vernunft der bürgerlichen Gesellschaft kehren wir zur Frage der Besonderheit des deutschen eliminatorischen Antisemitismus und dessen Kulmination in der Shoah zurück.

 

Sowohl Diner als Roth beziehen sich positivistisch auf die Rationalität der Aufklärung und der bürgerlichen Gesellschaft, wenngleich Diner jene Denk- und Handlungsform der NS-Herrschaft bezüglich der Shoah als „Gegenrationalität“ und Roth jene der NS-Zeit übergreifend als „amerikanisierte“ betriebswirtschaftliche Zweckrationalität charakterisieren.

 

Beide affirmieren hierbei die Zweckrationalität der Moderne. Dabei bezieht sich die Rationalität der Handlungsform bei Meistersoziologe Max Weber allerdings nur auf die Beziehung zwischen Mittel und Zweck ohne jede Reflexion auf die Vernunft des Zwecks selber. Der von Diner 1987 in die öffentliche Debatte eingeführte Begriff des „Zivilisationsbruchs“ zur Charakterisierung der „Gegenrationalität“ der Umsetzung der Shoah durch den NS konnte daher konsequenterweise in den folgenden zwei Dekaden im nationalen Kanon der deutschen Identitätsstiftung die Funktion der Distanzierung vom NS als scharfe Bruchlinie suggerieren. Roths funktionale Herangehensweise an den NS gibt jedem, der den NS als reine Modernisierungsperiode interpretieren will, haufenweise Dokumente und Daten an die Hand.

 

Nach vorstehender Skizze der Verkehrungen der bürgerlichen Denk- und Handlungsformen ist Diner's propagiertes bürgerliches Subjekt längst zum Objekt des Verwertungsprozesses des Kapitals degradiert worden. Ebenso sind die Zweckbestimmung seines Handelns und die Mittelauswahl fremdbestimmt durchs Kapital und seine Selbsterhaltung liegt nicht mehr in seiner freien Wahl, vielmehr ist er selbst zur Charaktermaske des Kapitals geworden. Roth's ökonomisch-politischer Funktionalismus lässt keinerlei denkerischen Spielraum für die Irrationalität der Moderne zu, sondern bleibt blind in ihr als „kapitalistischer Zweckrationalität“ verhaftet. Beide können die Shoah und deren Zusammenhang mit den Fetischgestalten des Kapitalverhältnisses nicht fassen.

 

Dass das europäische Judentum nach 1000 unserer Zeitrechnung zur personifizierten Projektionsfläche aller unverstandenen Vorgänge und Auswüchse des sich entwickelnden Kapitalverhältnisses und der aufkommenden Lohnarbeit wurde, hat seine durchaus nachvollziehbare sozial-ökonomische Vorgeschichte.

Dazu sei die besondere Stellung der Juden in der europäischen Geschichte kurz angerissen als der Vorgeschichte der Shoah – was keineswegs einer unausweichlichen geschichtlichen Logik entspringt, sondern post festum analytisch als Zusammenhang erscheint.

 

Das Judentum war schon vor Römischer Zeit4 in vorderster Front der Verbreitung des Waren- und Geldverkehrs rund um den Mittelmeerraum, dem Schwarzen bis zum Roten Meer. Diese hervorragende ökonomisch-funktionale Stellung verloren sie in Europa nach Max Weber mit den Kreuzzügen nach 800 n. Ch. nach und nach an „christliche“ europäische Konkurrenten.5 Im Umfeld der Kreuzzüge des 11. und frühen 12. Jh. wurden viele jüdische Gemeinden zwischen Jerusalem und Mittel- und Westeuropa durch Pogrome vernichtet oder vertrieben. Der Kultus des Fremden war der Nähr- und Gärboden für mannigfaltige obstruse Gerüchte. Der scheinbar religiöse antijudaistische Kern, der in der Phase vor 800 temporär den jüdischen Kultus der „Christusmörder“ per Zwangstaufe, Einschränkung der Kultus-Ausführung und Verbannung auszulöschen versuchte, überdeckte die Tatsache, dass es allen um das Vermögen der Juden ging. Abgedrängt in christlich unehrenhafte Berufe des Pfandleihers und Kreditgebers und somit Zinsnehmers war das Bild vom „Wucherjuden“ mit entsprechenden Verschwörungstheorien und projizierten Allmachtphantasien früh wirkmächtig in der gesamten abendländischen Christenwelt.

 

Englands Krone und sich entwickelndes Bürgertum entledigte sich 1290 durch Vertreibung seiner Juden als geschäftliche Konkurrenten, Frankreich folgte 1306, um die Juden nach zehn Jahren wieder reinzulassen und Ende des 14. Jh. endgültig zu vertreiben. Im gesamten Heiligen römischen Reich deutscher Nation flammten zwischen den Jahren1300 und 1500 Pogrome gegen und Vertreibungen von Juden auf. Der Exodus der Juden nach Osteuropa fällt in die Zeit dieser antisemitischen Orgien.

 

Die Juden waren sodann unverzichtbar für den Ausbau des Mittelmeerhandels von Venedig und Norditalien der Renaissance. Sie bildeten auf Grund ihrer gewachsenen Handelsbeziehungen in die Levante den ökonomisch-funktionalen Vortrupp in der Verbreitung des Waren- und Geldverkehrs sowie der Entwicklung des Messewesens nördlich der Alpen und ebneten den Weg des Handelskapitals nach Flandern, den Niederlanden und England.

 

Als Schutzjuden der feudalen Landesherren und freien Städte war ihre minoritäre Stellung sogleich ihre größte Bedrohung, wenn die Herren zur Ablenkung einen Sündenbock brauchten. Ihre funktionale ökonomische Stellung als Vermittler des Waren-, Geldverkehrs und als Pfandleiher, prädestinierte sie als zu kontrollierende Minorität dazu, auf städtische Anordnung und unter städtischem Schutz dort in Ghettos konzentriert zu werden, wo es nicht wie in anderen Städten schon Judenviertel gab. Die Ghettos, verallgemeinerte Bezeichnung nach der Benennung des Judenviertels von Venedig als Ghetto Novo um 1600 (Ghetto= ursprünglicher Begriff für „Gießerei“, die zuvor auf jener kleinen Insel angesiedelt war) füllten sich mit der Zunahme der europaweiten gegen Juden gerichteten Pogromen, die sich nach 1300 u.Z. mit den Pestepidemien regelrecht abwechselten und die Juden in die Städte trieben.

 

Nach dem Alhambra-Edikt des aragonischen Regenten Spaniens von 1492 und Portugals Regentschaft 1494 setzte auf Grund von Zwangstaufe oder Vertreibung eine umfangreiche Exilbewegung der Juden der iberischen Halbinsel, sowie Siziliens und Sardiniens ein. Der einhergehende ökonomische Aderlass Spaniens konnte nur durch Goldeinfuhren aus dem eben „entdeckten“ und bestialisch unterworfenen Amerika aufgefangen werden. Venedig, Sarajewo und vor allem Brügge und Antwerpen, aber auch Hamburg, profitierten ökonomisch vom Zuzug der iberischen Juden. Angemerkt sei, dass das sephardische Judentum nach der arabischen Eroberung Andalusiens im 10. und 11. Jh. eine außergewöhnliche Blüte in Kunst und Wissenschaft mit Cordoba als Zentrum erlebte; die Hälfte aller Juden lebte damals auf der iberischen Halbinsel.

 

Vorstehender Aufriss der jüdischen Stellung in der sozial-ökonomischen Entwicklung Europas zwischen 1000 u.Z. bis in die Neuzeit lässt erkennen, dass die Schutzjuden als geschäftlich aktive gesellschaftliche Minorität der Zirkulationssphäre von Ware und Geld die ideale Projektionsfläche für alle persönlichen und gesellschaftlichen Übel der langwierigen, brutalen Durchsetzungsgeschichte des Kapital- und Lohnarbeitsverhältnisses abgaben. Die Personifizierung von Geld, Wucherzins und Geist mit dem Juden hielt sich in Europa durch die Jahrhunderte unter scheinbar religiös bestimmtem Antijudaismus. Sie zogen sogar als Schlachter und Viehhändler ländlicher Regionen den Hass aller durch die gesellschaftlichen Umbrüche deklassierten bäuerlichen und handwerklichen Kleineigentümer auf sich als die heimlichen Verursacher aller Übel bis hin zu den Pestepidemien, obwohl sie als Viehhändler die einzigen Dörfler waren, die sich in der Zirkulation von Ware und Geld bewegend, überhaupt in der Lage waren, den Bauern Geldvorschuss und Kredit geben zu können.

 

Im Zuge der imperialistischen Frühphase schlug der Judenhass in Europa in manifesten Antisemitismus um, weil er sich als ideales ideologisches Herrschaftsinstrument der Bourgeoisien aller Länder zur Ablenkung von den inneren gesellschaftlichen sozialen Widersprüchen erwies. Die Dreyfus-Affäre in Frankreich 1894 steht für die Gleichsetzung: Jude = Landesverräter. In dieser Phase dynamisiert sich in den imperialistischen Ländern die „Zerstörung der Vernunft“– insbesondere zahlreiche „Geistesgrößen“ Deutschlands taten sich dabei mit ihren Beiträgen zum Irrationalismus hervor. Georg Lukács belegte dezidiert deren Entwicklungsgang und Kohärenz mit der Kulmination im Denken und Handeln Hitlers und des deutschen Nationalsozialismus.6 Das verflossene Versagen der – nicht selten selbst mit antisemitischen Ressentiments aufgeladenen – Aufklärer und liberalen Nationalisten in der „Judenfrage“ ließ von dieser Seite keinen nennenswerten Widerstand gegen die Vernichtung der europäischen Juden erwarten. Vielmehr sahen sie in den gebildeten Juden, die im letzten Drittel des 19. Jh. im Zuge der Emanzipation und Assimilation der europäischen Juden in großer Anzahl in zahlreichen akademischen Berufen Fuß fassten, Konkurrenten und fürchteten sich vor der Verbreitung des „jüdischen Geistes“.

 

Mit der Wandlung des überkommenen Antijudaismus zum modernen Antisemitismus wurden die Juden allgemein des Landesverrats verdächtigt und “Raffendes“, zinstragendes Kapital und „Finanzkapital“ wurden mit dem Judentum als Träger personifizierend identisch gesetzt. In den die kapitalistische Entwicklung nachholenden Ländern Kontinentaleuropas – Frankreich, Deutschland, Russland – wurden das Judentum im Gegensatz zu den Niederlanden, Groß-Britannien und den USA zur Projektionsfläche für die Verschwörung zur Weltherrschaft.

 

Dies verweist auf den damaligen Umbruch der kapitalistischen Verhältnisse durch die einsetzende Dynamik des Konzentrations- und Zentralisationsprozesses des Kapitals, die den aktiven Kapitalisten mit dem Aufkommen der Aktiengesellschaften überflüssig machte, ihn aus seinen Leitungsfunktionen ausscheiden ließ, ihn zum bloßen Couponschneider stutze und eine nicht fassbare, subjektlose Form gesellschaftlicher Herrschaft konstituierte, deren Entscheidungen oberflächlich (bis heute) in Händen des „Finanzkapitals“ zu liegen scheinen. Die einhergehende Dynamik des Weltmarkts suggerierte die Tendenz einer Weltherrschaft des „Finanzkapitals“, die als „Plutokratie“ auf das Judentum projiziert wurde. Der Jude wurde mit Universalität, Konspiration und vaterlandsloser, kosmopolitischer Mobilität identisch gesetzt, als der Urheber der nicht fassbaren neuen Herrschaftsformen.

 

Das als „unnatürlich“ empfundene „raffende“ Kapital scheint sich das „natürliche“ „schaffende“ industrielle Kapital zu unterjochen. Dieses antisemitische Arsenal wurde in der aufkommenden national-chauvinistischen Propaganda des Kampfs um die Neuverteilung des Weltmarkts nach innen und außen als Ventilfunktion für den Hass der Lohnsklaven auf ihr eigenes unverstandenes Dasein, für die Angst der materiellen Kleinbürger vor der drohenden Proletarisierung und für die Furcht der „Gebildeten“ vor der mit den großen Industrialisierungswellen einhergehenden urbanen Zusammenballung von Massen des „Pöbels“ eingesetzt.

 

Der moderne Antisemitismus entstand im gleichen Zeitraum der stürmischen Entwicklung der Naturwissenschaften wie die Ideologie des Sozialdarwinismus. Die zweite, fetischistische gesellschaftliche Natur kapitalistischer Vergesellschaftung ließ schon damals ihre Akteure sämtliche gesellschaftliche Verhältnisse pseudo-wissenschaftlich naturalisieren, biologiesieren und personifizieren: die Juden stehen für Geld, Finanzkapital und die Verschlagenheit undurchsichtiger Herrschaftsverhältnisse. Dem „bösen, unnatürlichen, raffenden Zinskapital“ steht das „gute, natürliche, schaffende Industriekapital“ antithetisch entgegen. Der „unnatürlichen“ Bereicherung durch „Spekulation“ steht die „naturgegebene“ harte „ehrliche Arbeit“ entgegen. Die Nation wird rassenideologisch zum „Volkskörper“ im Kampf ums Dasein naturalisiert, dem die Individuen unterworfen sind.

 

Soweit über den ideologischen Zusammenhang des Phantasma des Antisemitismus mit den Fetischgestalten des Kapitals7. Ohne letztere ist kein moderner Antisemitismus in bekannter historischer Form denkbar.

 

Geht man von der Kategorie des Allgemeinen der fetischisierten Verkehrungen der Bewusstseinsformen kapitalistischer Verhältnisse als Bedingung des Antisemitismus in allen Nationen zur Kategorie der Besonderheit des eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen der NS-Periode über, so gehen hier zwei Momente zusammen: das spezifische völkische Konstrukt des Ariers und des Juden als dessen „Antithese“ sowie der Obsession des Führers und seiner Gefolgschaft, mit der physischen Ausrottung des europäischen Judentums jene Antithese des Ariertums von der Erde zu tilgen, um den Weg zur „natürlichen“ Weltherrschaft der Arier fürderhin frei vom Judentum als dem nach Carl Schmitt „wahren“ Feind beschreiten zu können. Dieses phantasmagorische Amalgam nationalistischen Größenwahns und des jüdischen Widersachers hatte seine geschichtlichen Konstitutionsbedingungen.

 

In Hitlers Grundsatzrede zur „Arbeit“ von 1920 wurde der Gegensatz von 'arischer“ Arbeitsauffassung und jüdischen vaterlandslosen Umtrieben bis zum unversöhnlichen Widerspruch prototypisch heraus getrieben. Die antijudäische Folie der Lutherzeit – deutsche Arbeit vs. jüdisches Geldmachen – ging in modifizierter zugespitzter Form in den gemeinsamen Kanon von Führer und Gefolgschaft des NS ein.

 

Die selbst zugewiesenen Attribute des „Ariers“ als „Krönung der Schöpfung“ waren keine launischen oder gar selbstironischen Spielereien, sondern die bitterernst von der Altdeutschen-Jahn-Bewegung aufgenommene und vollendete Verabsolutierung scheinbar biologischer, natürlicher besonderer germanischer Eigenschaften: Gemeinsinn, Ehre, Vaterlandsliebe, Gehorsam sowie alle anderen Arbeitstugenden, ehrliche schwere Arbeit. Die zugewiesenen Attribute des „Juden“ waren antithetisch die Verabsolutierung scheinbar unnatürlicher gesellschaftlicher Eigenschaften: Egoismus, Verschlagenheit, vaterlandsloser Kosmopolitismus, leichte Arbeit des Geldmachens. Ohne diesen konstruierten absoluten Gegensatz zwischen Arier und Jude konnte Hitlers Propaganda des Ziels der „Endlösung der Judenfrage“ nicht auskommen. Jedes relativierende, verunsichernde Wischiwaschi hätte die Stoßkraft von Hitlers „Visionen“ vermindert. Schließlich mussten die Deutschen diese Lüge glauben, um das Ziel der Ausrottung des Judentums zu vollstrecken. Der moderne Antisemitismus der Nazis war für die seinen eine Welterklärung aus einem Guss. Gerade die quasi-religiösen Wahnvorstellungen von 'Arier' und 'Jude' im altbekannten Schema von „Gut“ und „Böse“, „Gott“ und „Teufel“ waren für die selbstmitleidtrunkenen, geschichtslosen Deutschen im suggerierten Kampf um „Leben oder Tod“ des deutschen Volkes glaubhaft.

 

Der damit einhergehende vorgebliche Antikapitalismus der Nazis richtete sich gegen die „unnatürliche“ Seite des Kapitalismus mit dem Zentrum des „Finanzkapitals“ und den neuen einhergehenden undurchschaubaren Herrschaftsverhältnissen. Die scheinbar natürliche „Arbeit“ und Maschinerie des industriellen Kapitals wurden von den Nazis dagegen faktisch zum erlösenden Arbeits- und Technikfetischismus verabsolutiert. Die modifizierte Kontinuitätslinie der irrationalen Auseinanderreißung des Kapitalverhältnisses des heutigen linken Antikapitalismus wurde in Kapitel 6 skizziert. In der Weltwirtschaftskrise der Gegenwart macht er sich unbewusst zum Stichwortgeber moderner zeitgeistiger Verschwörungstheorien rund um Geld und Zins, in denen implizit die Juden die Strippenzieher sind.

 

Im nationalsozialistischen Antikapitalismus waren keineswegs nur regressive Momente bestimmend, sondern die revoltenmäßige Fiktion, mit der physischen Ausrottung der Juden, als der ausgemachten Träger des modernen Kapitalismus, dessen „unnatürlichen“ Seiten selbst zu eliminieren, um den Weg zur eigenen Weltherrschaft nach deutschem Wesen gehen zu können. Da dieser moderne Kapitalismus zugleich den Kommunismus auf den Plan rief, war es konsequent, das Konstrukt der jüdischen Weltverschwörung zur jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung zu erweitern, da der Bolschewismus die „Vaterländer“ als „natürliche“ Ordnung der Völker abschaffen wollte und somit zusammen mit dem Judentum als Drahtzieher des unverstandenen Kapitalismus wie Bolschewismus ausgerottet gehörte. Die Doppelung der Juden als verschwörerische Drahtzieher des „Finanzkapitals“ und des „Kommunismus“ gebar einen Antikommunismus des NS, der die Legitimation zur Ausrottung der Juden und Kommunisten als selbstverständliche Pflicht jedes Volksgenossen nach sich zog. Wie sehr das Echo der Konklusion Jude und Bolschewist bis heute verbreitet ist, belegte der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Hohmann 2003, als er die Frage nach „Tätervolk“ und „Täterschaft“ der Juden in der Oktoberrevolution in rhetorischer Manier aufwarf. Noch im Spruch: „Juso frisst Kind“ der 1960er Jahre kam die Konnotation mit dem „jüdischen Ritualmord“ zur Oberfläche.

 

Vorstehende Vorstellungen gingen aufs „Ganze“ und kannten keine Relativierungen. Sie implizierten ihre praktischen Umsetzungen. Im doppelt-funktionalen Konstrukt Arier vs. Jude kam die Tatsache zum Vorschein, dass Hitler sich lebenslang als Vabanque-Spieler verstand, wie er im Gespräch gegenüber Göring klarstellte, als dieser ihn bezüglich des beabsichtigten Überfalls Frankreichs 1940 zur Vorsicht mahnte. Jeder innen- und außenpolitische Schritt Hitlers trug den Stempel, alles auf eine Karte zu setzen. Allerdings zeichnet es die deutsche Außenpolitik sowohl des zweiten deutschen Kaiserreichs bis hin zur Anzettelung des ersten Weltkriegs wie auch jene der BRD nach 1989 aus, stets alles auf eine Karte zu setzen – anders kann ein mittlerer Player des Weltmarkts außenpolitisch nicht agieren, wenn er in Selbstüberschätzung seine Weltmachtrolle durchzusetzen versucht.

 

Die auf vorstehenden fetischförmigen Konstrukten aufbauende, nach und nach gesteigerte, staatlich-legitimierte Obsession von den Juden als „unserem nationalem Unglück“ – so bezeichnete der stramme Staatsrechtler C. Schmitt die Nürnberger-Rassegesetze von 1935 konsequent als Verfassung der Freiheit – war die zentrale Voraussetzung und Grundbedingung der praktischen Umsetzung des antisemitischen Phantasmas zur „Endlösung“ der „Judenfrage“.

 

Der Zusammenhang dieser antisemitischen Obsession mit den außen- und innenpolitischen Bedingungen der Durchführung der Vernichtung des europäischen Judentums darf dabei nicht auseinandergerissen werden.

Erste Bedingung war, dass das Kollektiv der Deutschen in Relation zu seinen Nachbarn einen solchen Größenumfang hatte und sich ökonomisch so stark wähnte, dass es sich rassenwahnmäßig als „Krönung“ der Schöpfung imaginieren konnte, das sich selbst zur Weltherrschaft berufen sah und diese in einem riskanten Vabanque-Spiel erobern wollte. Der NS und die Shoah sind ohne diesen Willen zur totalen Weltherrschaft und dessen Durchsetzungsversuch nicht denkbar.

Zweite Bedingung war, dass andere Nationen Deutschlands Ansinnen zu verhindern suchten – England und die USA. Deren politisches Agieren wurde spätestens nach den Versailler-Verträgen den verschwörerischen Juden zur Niederhaltung Deutschlands zugeschrieben. Es galt demnach, die imaginierte Weltherrschaft des Judentums zu brechen.

Dritte Bedingung war, dass sich im Staats- und Parteiapparat tatkräftiges Personal rekrutieren ließ, das die mit großen organisatorischen und materiellen Mitteln verbundene Herstellung der für den industriellen Massenmord notwendigen Infrastruktur und Logistik umzusetzen in der Lage war. Es handelte sich dabei nach Raul Hilberg um einen hocharbeitsteiligen sich dynamisierenden „nationalen Akt“ der in Kooperation konkurrierenden „gesamten organisierten Gesellschaft Deutschlands“, insbesondere des gesamten Verwaltungsapparates.

 

Das allgemeine ideologische Konstrukt des „Geldjuden etc.“ erklärt sich zwar aus den verrückten Bewusstseinsformen der kapitalistischen Verhältnisse, jedoch nicht der einhergehende obsessive Hass der Deutschen und dessen Verschiebung zur emotionslosen, eiskalten aktiven Vollstreckung der unbedingten Vernichtung des europäischen Judentums. Der verbreitete Hass auf die Juden und spontane, affektgetriebene Pogrome waren jedoch kein Weg zur „endgültigen Erlösung“ der Deutschen vom Juden als ihrem „Unglück“. Auch die in den besetzten Ländern angelaufenen exzessiven Massenerschießungen waren dieser „Aufgabe“ nicht gewachsen. Der obsessive Hass der Deutschen auf die Juden hätte ebenso wenig wie in den europäischen Nachbarländern für die Umsetzung der Direktiven der Wannsee-Konferenz gereicht – wenngleich er zugleich die zentrale Grundbedingung hierfür war. Die politische Bedingung war, dass statt bürgerlicher Legalität sich die Legitimität des Führers als entgrenzte Herrschaft unter Führung der SS seit 1933 staatlich ausbilden konnte und sich somit die gesamte Volksgemeinschaft legitimiert fühlte, Teil der staatlich organisierten Vernichtungsmaschinerie zu werden. Hitler hatte dies früh erkannt:

 

'Wenn Sie eine Dokumentation über die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden herausgeben würden, mit welchem Dokument würden Sie beginnen?'

'Vielleicht mit einem Brief, den Hitler im September 1919 schrieb. Darin lehnte er die Form des Antisemitismus ab, die sich auf «rein gefühlsmässige Gründe» stützte, und propagierte stattdessen den «Antisemitismus der Vernunft» - ein Antisemitismus, der «zur planmässigen gesetzlichen Bekämpfung» führen müsse und dessen «letztes Ziel unverrückbar die Entfernung der Juden überhaupt» sei. Das ist der Anfang gewesen, ein politisches Programm, das rational bestimmt war. Der von Hitler so bezeichnete «Antisemitismus der Vernunft», den er zum Regierungsprogramm machte, führte zum Mord an den europäischen Juden.'“8

 

Diese staatlich-bürokratische (Ir-)Rationalität von Kontrollieren, Selektieren und Vernichten wurde in den 1920er Jahren, aufbauend auf dem „Erfahrungsschatz“ der staatlich organisierten Kriegswirtschaften zum internationalen Trend als bevölkerungspolitische „Verwissenschaftlichung“ aller Lebensbereiche. Wie schon erwähnt, sprach Lukács Ende der 1920er Jahre von der „fetischisierten Ratio“; Anfang der 30er Jahre versprach der US-amerikanische Genetiker H.J. Muller mittels positiver Eugenik jeder sowjetischen Frau einen Lenin. Die SS ging mit der Lebensborn-Bewegung zur „Zuchtwahl des arischen Herrenmenschen“ über. Gleichzeitig liefen in den nordischen Staaten und einzelnen Bundesstaaten der USA Zwangssterilisierung von „Debilen“ und „Geisteskranken“ an. Die irrationalen Denkformen des Sozialdarwinismus, der Sozial-Hygiene steigerten sich in der Weltwirtschaftskrise zu einer Zweckrationalität, die die Individuen ohne jede Gefühlsregung in „lebenswert“ und „lebensunwert“ selektierten. Ihre Zuspitzung kommt später z.B. in Primo Levi´s Der Pannwitz-Blick zum Ausdruck, wo es u.a. heißt:

 

Könnte ich mir aber bis ins letzte die Eigenart jenes Blickes erklären, der wie durch die Glaswand eines Aquariums zwischen zwei Lebewesen getauscht wurde, die verschiedene Elemente bewohnen, so hätte ich damit auch das Wesen des großen Wahnsinns im Dritten Reich erklärt. Was wir alle über die Deutschen dachten und sagten, war in dem Augenblick unvermittelt zu spüren. Der jene blauen Augen und gepflegte Hände beherrschende Verstand sprach: "Dieses Dingsda vor mir gehört einer Spezies an, die auszurotten selbstverständlich zweckmäßig ist. In diesem besonderen Fall gilt es festzustellen, ob nicht ein verwertbarer Faktor in ihm vorhanden ist."“

 

Dr. Pannwitz war als IG-Farben Personaler in Auschwitz-Monowitz Funktionsträger des Kapitals, dessen Zweckrationalität der betriebswirtschaftlichen Rechnungsführung jedweden „Kollateralschaden“ in sich einschloss – Marx zitierte zustimmend jene Profitmacherei-Kaskade, die darin endet, dass das Kapital bei 500 Prozent Profit in Raserei fällt und jederzeit über Leichen geht.

 

Obwohl also in der NS-Ausrottung des europäischen Judentums bis auf den letzten, dessen die Häscher und Kollaborateure mit jedem Mittel habhaft werden konnten, Elemente der NS-Bevölkerungspolitik, von Zwangsarbeit und Rassismus enthalten waren, kann der eliminatorische Antisemitismus nach Vorstehendem nicht unter jene Begriffe subsummiert werden. Hierzu reicht auch nicht die kapitalistische Zweckrationalität, die die noch vor der Vergasung geschorenen Haare der Opfer einer „Verwertung“ zuführten. Primo Levi akzentuierte sehr richtig:

 

"Dieses Dingsda vor mir gehört einer Spezies an, die auszurotten selbstverständlich zweckmäßig ist.“

 

Die hier angesprochene Zweckmäßigkeit spricht nicht die mit der Ausrottung des europäischen Judentums wie aller anderen inneren und äußeren Feinde einhergehende ökonomische Zweckrationalität wie der Vernichtung durch Arbeit des NS an. Jene Zweckmäßigkeit weist auf die Ausrottung der Juden als Antithese des Ariers. Sie war „selbstverständlich“, weil der deutsche „Volkskörper“ sich so vom „Joch des ewigen Juden“ als dem vermeintlichen Weltkriegstreiber selbst zu befreien meinte.

 

Immer wieder wird die Befriedigung der „Mordlust“ genannt, mit der die willigen Vollstrecker vorgingen. Diese Mordlust nicht in erster Linie sadistisch, sondern emotionslos ohne äußere Affekte auszuleben, hatte die staatliche Legitimierung zur Voraussetzung. Otto Fenichel postulierte den eliminatorischen Antisemitismus als doppelte Verschiebung – psychoanalytisch als vom „Vatermord“ ableitbar und herrschafts-funktional als „Sündenbock“. Auch für den Antisemitismus gilt demnach: Opium des Volkes und für das Volk. Psychoanalytische Deutungen der Shoah führen allerdings in ein Gestrüpp von Thesen bis hin zu Klaus Theweleits Männerphantasien. Sie werden hier nicht verworfen, es kann ihnen aber hier nicht kritisch nachgegangen werden.

 

Der eliminatorische Antisemitismus enthält viele Elemente des völkischen Rassismus, wonach die „natürliche“ Ordnung auf der Ungleichheit der Menschen beruht und des absoluten Gehorsams gegenüber dem auserwählten Führer bedarf. Der „natürlichen“ Ungleichheit der Völker entspricht demnach einer hierarchische Abstufung aufsteigender und absteigender Rassen. Wo sich der 'Arier' selbst einordnete, ist klar: im Kampf um den Aufstieg an die Spitze. Das machten Japaner und Chinesen nicht anders, als sich selbst als die „Krönung“ der Schöpfung zu illuminieren. Der Rassismus stuft die „Rassen“ als minderwertige Reihe bis hin zum „Untermenschen“. Hinter dieser Stigmatisierung steht die xenophobe Paranoia der potentiellen, undurchsichtigen Macht der anderen „Rassen“. Allerdings sehen sich Rassisten den minderen „Rassen“ überlegen und projizieren in die Stigmatisierten keineswegs übermäßige Fähigkeiten. Den eliminatorischen Antisemitismus zeichnet(e) dagegen aus, dass die Juden als „Dingsda“ und Ungeziefer außerhalb des Menschseins gestellt wurden und zugleich unlösbar mit der Allmacht über die Menschheit identifiziert wurden. Daher ist es richtig, an der Shoah als der Vernichtung um der Vernichtung willen festzuhalten und sie als historische Singularität zu begreifen9. Damit sei die Kategorie der Besonderheit des deutschen eliminatorischen Antisemitismus skizzenhaft umrissen – sie kann selbstverständlich der in der langen Fußnote angeführten Herrenriege kritischer Kritiker und anderen, die sich schwerpunktmäßig (oder lebenslang?) mit den Vorbedingungen der Shoah und Folgerungen aus ihr und dem Antisemitismus der Gegenwart „wertkritisch“ auseinandersetzen, nicht das Wasser reichen!

 

1 Karl Marx, Das Kapital, Bd. I, MEW 23, Seite 86

 

2 Karl Marx, Das Kapital, Bd. III, MEW 25, Seite 838

 

3 Die evidente, empirisch belegte 5-Kisten-Hypothese besagt, dass der moderne Lohnsklave folgende 5-Kisten zu seinem Glück braucht: Beziehungskiste (auf dem Vormarsch: mit dem Haustier), Wohnungskiste, Automobile-Kiste, Kommunikationskiste (mutiert gegenwärtig von der Glotze zu Smartphone..), Bierkiste.

 

4 Lion Feuchtwangers historische Romane der Josephus-Trilogie vermitteln die starke ökonomische und politische Stellung der Juden im Mittelmeerraum vor unserer Zeitrechnung.

 

5 Max Weber, Wirtschaftsgeschichte, München und Leipzig 1924

 

6 Vgl. Georg Lukács: Die Zerstörung der Vernunft. Der Weg des Irrationalismus von Schelling zu Hitler. Deutsche Erstausgabe Berlin (DDR), 1954.

 

7 Moishe Postone postulierte in den 70er Jahren, dass das Judentum mit der „Wertdimension jener Formen, die Marx analysiert hat“ identisch gesetzt worden sei. (Seite 9 in: Antisemitismus und Nationalsozialismus In: Ders.: Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen. Freiburg 2005, S. 165-194. ). Im Widerspruch dazu betont Marx im Unterkapitel zum Fetischcharakter der Ware und dessen Geheimnis ausdrücklich, dass der Fetischcharakter der Ware der Warenform des Arbeitsprodukts unabhängiger Privateigentümer entspringt – und sonst gar nichts! Dort betont er zugleich, dass sowohl der Gebrauchswert wie die inhaltlichen Bestimmungen des Werts durchsichtig sind. Er spricht hierbei wie an manch anderen Stellen des Kapitals sowie insbesondere in Zur Kritik.. (MEW 13) die physiologische Basis jedweder menschlichen Arbeit an und deren Profanität der Zeitdauer als Grundlage der Wertgröße an. Siehe daraus zitiert zur Arbeitszeit als Maß und Maßstab des Werts bzw. seiner Größe: Karl-Heinz Landwehr, Notizen zur Kategorie allgemeine, gesellschaftliche Arbeitszeit. Marx betont in Kapital Band III als letzte, doppelte Bestimmung des Werts: “In der Wertbestimmung handelt es sich um die gesellschaftliche Arbeitszeit überhaupt, das Quantum Arbeit, worüber die Gesellschaft überhaupt zu verfügen hat und dessen relative Absorption durch die verschiedenen Produkte gewissermassen deren respektives gesellschaftliches Gewicht bestimmt.” (MEW 25, S.889). Wahrscheinlich war es wieder der doofe F. Engels, der hier seine Finger bei der Herausgabe von Kapital Band III dazwischen hatte, wobei die kritischen Kritiker sogenannter Wertkritik manchmal das Gerücht streuen, Marx habe selbst nicht verstanden, was er in der Wertformanalyse schrieb. Zur Kritik der sogenannten Wertkritik siehe die 15 Jahre alten Zirkulare der ÜBERGÄNGE http://www.proletarische-plattform.org/archiv/%C3%BCberg%C3%A4nge/zirkular/.

Die Naturseite der Arbeit war der Frankfurter Schule stets grundsätzlich ein Gräuel, für sie kann die allgemein menschliche Arbeit nicht materialistisch die Substanz des Wertes sein, ihnen sind die Wertbestimmungen nicht durchsichtig, da für sie der Wert nicht als vergegenständlichte „geronnene“ Arbeitszeit bestimmt ist, sondern ausschließlich eine Denkbestimmung ist. Die kritische Theorie, grundlegend neu-kantianisch operierend, fasst Kategorien als gesellschaftliche Denkformen des Apriori, die der Wirklichkeit „modellhaft“ übergestülpt werden und der Kritik unterworfen werden und kein Gran Natur enthalten. Gesellschaft und Natur sind dichotom getrennt und keine dialektische Einheit. Reine Denkformen kennen Raum und Zeit ausschließlich als Anschauungsformen, nicht als Prozessgrößen; die Wichtigkeit der Irreversibilität der Zeit hierin vermögen sie nicht zu begreifen. Marx betont dagegen, dass seine an Hegel angelehnte Darstellung der Formenanalyse des Kapitals die Kategorien als Ausdruck von Daseinsbestimmungen und Existenzbedingungen spezifischer gesellschaftlicher Verhältnisse der Totalität eines naturwüchsigen Prozesses in Raum und Zeit ist – gerade die Wandlungen der Formen der Arbeit und Arbeitsprodukte und des Eigentums lässt deren historischen Unterschiede erkennen und somit zugleich deren Vergänglichkeit. Als hätte Marx die anti-ontologisch affektierte Herrschaft des subjektiven neukantianischen Idealismus geahnt – in welchem die historischen Formwechsel der Arbeit und damit die Einsicht in deren historische Vergänglichkeit verloren gehen – watscht er mit seiner profanen Erdung des Werts an die gesellschaftliche Gesamtarbeit und dessen Funktion der proportionalen Verteilung der Gesamtarbeit als zentraler gesellschaftlicher Ressource auf die verschiedenen Produktionszweige im Brief an Kugelmann; London 11.7.1868 (MEW32, S.552, hier Auszüge) die ganze heutige raunende Garde der sogenannten Wertkritik der Backhaus, Bruhn, Behrens, aber auch des althusser'schen Diskurs-Fürsten Heinrich als typische deutsche kritische Geleehrten ab. In jenem Brief kritisiert Marx allgemeinverständlich das Centralblatt, das in der ersten deutschen Rezension der Erstausgabe 'Das Capital' 1868 wie Ritter Böhm-Bawerk 1896 jene subjektivistischen Schmarren schrieb, bei denen die heutigen Frankfurter, Freiburger, Nürnberger, Bahamas-Berliner Herren über die antideutschen Zirkel der Täter-(Ur-)Enkelgeneration sich letztendlich bis heute ihren Most holen. (Siehe: Eugen von Böhm-Bawerk, Zum Abschluss des Marxschen System Berlin 1896). Sie schafften es, die einfache Bestimmung abstrakter Arbeit – Verausgabung von Hand, Muskel und Hirn zu sein – zu konfundieren, sie machten sie zum Fetisch ihrer „Neuen Marxlektüre“. Anstatt sich einer Formkritik des Werts zu stellen, „kritisieren“ sie diesen peinlicherweise selbst bis hin zum Schmankerl eines selbsterfundenen „Wertfetischismus“. Jetzt muss an dieser Stelle abgebrochen werden, bald kommen wir auf die proletarisch-revolutionären Implikationen (der Adepten) der Frankfurter Schule zurück.

 

8 Gespräch mit Raul Hilberg , Dezember 2002, Neue Zürscher Zeitung: Geschichte reicht in die Gegenwart

 

9 Dass die etablierte Genozidforschung dies als deutsche Angelegenheit sieht, ist verständlich, kann an dieser Stelle jedoch nicht der Kritik unterworfen werden. Siehe Debatte: NS-Forschung und Genozidforschung, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History, Online-Ausgabe, 5 (2005) H. 3,

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