12.1. Erster Initiationsschritt: wie Deutschland die USA als seinen äußeren Feind Nummer eins wiedergewinnt

Dreigliedriger Initiationsritus der neuen deutschen Volksgemeinschaft

 

Die deutsche Geschichte förderte mit dem Golfkrieg II des Jahres 1991 eine gespenstige Offenbarung ans Tageslicht.

Das Echo Wir sind das Volk war kaum abgeebbt. Und statt der altbewährten Bücherverbrennung liefen im angebrochenen Öko-Zeitalter die Schredder und Reißwölfe bei der Vernichtung der ungeheuren Buchbestände sämtlicher DDR-Bibliotheken der Betriebe, Kommunen, Schulen, Kultureinrichtungen, vieler Institute und Universitätsfakultäten usw noch heiß. Da:

 

In einem reflexartigen Akt unbewußter historischer Identifikation erkannten sie in Saddams Krieg gegen Israel und die angelsächsischen Demokratien ihren eigenen Krieg wieder, den sie vor 50 Jahren gegen denselben Gegner geführt hatten. Noch in der Nacht zum 17. Januar 1991, in der die alliierten Bombardements begannen, zogen Demonstranten durch die Städte und riefen: „Nachbarn, aufgewacht – die Amis haben den Krieg gebracht.“ Am nächsten Tag meldete die Süddeutsche Zeitung, daß wegen der umfangreichen Hamsterkäufe verschiedene Lebensmittel knapp würden, so daß der Pressesprecher des Einzelhandels erklären mußte, die Situation sei mit dem zweiten Weltkrieg nicht zu vergleichen.“[1]

 

So verarbeitete der Anglist und Literaturwissenschaftler Dietrich Schwanitz zeitnah die nationale völkische Initiation der Berliner Republik in Das Shylock Syndrom oder Die Dramaturgie der Barbarei. Dort heißt es u.a. weiter:

 

Auf den Transparenten standen Slogans wie „Ich will leben“, „Ich hab Angst“, „Haß, Haß auf die USA“, „Bush Völkermord“ und immer wieder „Kein Blut für Öl“. Die Telefone der Kreisverwaltungen brachen zusammen, weil zu viele Menschen wissen wollten, wo sie Gasmasken erhalten könnten und welchen Bunkern sie zugeteilt würden.“[2]

 

.. „Dieselben Journale und viele Sprecher der Friedensbewegung und der Feministinnen äußerten ihr Verständnis für arabischen Stolz und begründeten ihr Einverständnis mit anti-westlichen und anti-israelischen Ressentiments.“[3]

 

Der panikartige antiamerikanische Reflex war die gesteigerte Neuauflage der Panikattacken des versammelten deutschen kleinkarierten gebildeten Bürgertums in der Phase der Nachrüstung der atomaren Raketen Anfang der 80er Jahre. Die Partei DIE GRÜNEN war das Produkt des damaligen antiamerikanischen Hypes. Die wie Phönix aus der deutschen Asche steigende Friedensbewegung von 1981 wie auch 1991 kannte weder Klassen noch Parteien, sondern nur noch Deutsche und das deutsche Volk und dessen Unterwerfung durch die Amis[4].

 

Zu vermerken ist, dass die deutsche Friedensbewegung die völkerrechtswidrige Annexion Kuwaits durch den Irak schön redete. Jene Gutmenschenbewegung[5], die ansonsten mit jeder Spitzfindigkeit stets aufs Völkerrecht pocht. Seither betreibt der übergroße Teil der deutschen Linke die Politik des Appeasements gegenüber verbalradikal „antiimperialistischen“ autoritären arabischen Regimes passend zur Staatsraison des militärischen Winzlings BRD.

 

Dabei tragen sie seit 1980 die „Abschaffung der NATO“ regelmäßig als zentrale Parole vor sich her. Wo es doch nicht schwer zu begreifen sein dürfte, dass sie sich dadurch ritualmäßig zum ideologischen Steigbügelhalter deutscher imperialer Interessen machen. Dass sie damit nämlich – günstigenfalls unbewusst – einem deutschen Sonderweg ideologischen Vorschub leisten. Deutschland hätte gerade in der Jugoslawien-Krise 1991 lieber gestern als morgen gegen den erklärten Willen aller EU-“Partner“ die NATO durch eine eigenständige WEU als militärischen Arm der EU mit dem deutsch-französischen Corps als Herzstück abgelöst. Oder ist der linke Ami-Hass so blind obsessiv, dass sie die deutschen imperialen Großmachtanstrengungen – die sie als solche meist nicht Mal erkennen – als Rettung der Menschenrechte durch militärische Intervention begrüßen?

 

Abschaffung der NATO!“ ist wie der Slogan „Krieg ist keine Lösung!“ eine hanebüchene pazifistische Illusion in die bürgerliche Welt, in der der Kampf der Nationen um die Vorherrschaft auf dem Weltmarkt stets mit jenen politischen Mitteln geführt wird, die die eigene Position in die Vorderhand bringt. Entscheidung für Frieden und Krieg unterliegen der Zweckrationalität der jeweiligen nationalen Staatsraison, die jede Nation propagandistisch zu verbrämen weiß.

 

Die Reflexhaftigkeit, mit der sich die deutsche Linke mit einer Diktatur und einer chauvinistischen anti-westlichen Kultur identifizierte und dabei einen ins Antisemitische spielenden Antizionismus zu erkennen gab, löste ihrerseits bei einer wachsenden Zahl linker Intellektueller Entgeisterung aus.“[6]

 

Dietrich Schwanitz hat als querdenkender Literaturwissenschaftler und Anglist diese Selbstdemaskierung der deutschen Linken so prononciert formuliert, dass seine Einlassungen als Vermächtnis an eine selbstkritische deutsche Linke gefasst werden kann. Daher ein längerer Auszug des Buches als Anhang 2. Dass Schwanitz nicht historisch-materialistisch sondern kulturgeschichtlich argumentiert, tut der Richtigkeit in der Sache keinen Abbruch. Denn er erkannte gerade hierdurch den kulturalistischen, lebensphilosophischen Drive der deutschen Linken umso schärfer. Mit Marx gilt hier, dass ein kluger Idealismus einem platten mechanischen Historischen Materialismus allemal überlegen ist.

 

Die USA[7] wurden spätestens mit den deutschen Antikriegsdemonstrationen 1991 als äußerer Feind Nummer eins der sich artikulierenden und somit formierenden deutschen Volksgemeinschaft von rechts bis links zurückgewonnen. Die Akzentverschiebung war allerdings gravierend. Die USA wird seither mit Israel zu dem äußeren Feind aller Völker verschmolzen. Zu letzterem wird nach dem dreigliedrigen deutsch-völkischem Initiations-Ritual zurück zu kommen sein.

 

 

1 Dietrich Schwanitz, Das Shylock Syndrom oder Die Dramaturgie der Barbarei; Eichborn 1997; Seite 261

 

2 ebenda Seite 262

 

3 ebenda Seite 262

 

4 Schon damals kennzeichnete Wolfgang Pohrt die deutsche Friedensbewegung als „deutsch-nationale Erweckungsbewegung“. Siehe Zeit vom 30.10.1981: W Pohrt, Ein Volk, ein Reich, ein Frieden. Über die Friedensbewegung und das neue, alte Heimatgefühl.

 

5 Selbst ihr Motto Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg entpuppt sich als Verdrehung des Schwurs von Buchenwald, in welchem der Einsatz der Befreiungsarmeen der Alliierten begeistert und dankbar gefeiert wurde. Das ausgeleierte obige Motto ist Produkt der Appeasement-Politik der friedlichen Koexistenz der Stalin-Periode.

 

6 Schwanitz, Seite 262. Ein kleiner Teil der deutschen Linken grenzte sich ab diesem Zeitpunkt als Antideutsche Kleingruppen ab, indem sie den bürgerlichen Westen und Israel gegen das völkische deutsche Rollback mit seinem antisemitischen Kern in Stellung zu bringen versuchen und dadurch zum Roten Tuch fast der gesamten Restlinken wurden. Hierauf wird bei der Frage nach der historischen Stellung der Shoah zurückgekommen.

 

7 Der Antiamerikanismus der deutschen Linken erscheint als neo-romantische, lebensphilosophische, zeitgemäße Wiederauflage des romantischen antirepublikanischen Reflexes des Anfangs des 19. Jh. So urteilte der romantische Ökonom Adam Müller 1810, dass die Germanen für Gemeinsinn stehen und die Anglo-Amerikaner für Egoismus. Die Phrase des amerikanischen Materialismus ist Inventar der Innerlichkeit der deutschen Seele zwecks Selbsterhöhung auf Grund eigener Minderwertigkeitskomplexen. Einer der Begründer des intellektuellen Antiamerikanismus, der österreichische Dichter des Biedermeiers, Nikolaus Lenau, spitzte seine Ansicht von der Kulturlosigkeit in den USA um 1835 zu zu „Verschweinte Staaten von Amerika“.

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