10. Die Opfer-Täter-Verschiebungen des zweiten Anlaufs Deutschlands zur Weltmacht

Deutschland nahm den Kampf um eine Weltmachtstellung unmittelbar nach der Niederlage im ersten Weltkrieg kapitalistisch-naturwüchsig wieder auf.

Der Informationsdienst German-Foreign-Policy fasst die Periode 1918 bis 1945 diesbezüglich so zusammen:

 

„Nach dem verlorenen Krieg modifiziert die deutsche Außenpolitik ihre Mittel, nicht aber das Ziel. Die "Neuordnung Europas" soll nun in mehreren Etappen erfolgen:
1. Revision des Versailler Friedensvertrages, um die verloren gegangenen Territorialgebiete wiederzugewinnen;
2. Aufstieg zur "gleichrangigen" europäischen Großmacht;
3. Kontinentale Führungsrolle.
Wegen des nach 1918 geltenden Rüstungsverbots werden in der ersten Etappe die üblichen diplomatischen Mittel eingesetzt. Dazu gehören auch subversive Aktionen in den europäischen Nachbarstaaten. In der zweiten Etappe beginnt die (heimliche) Aufrüstung. Daran schließen sich unverhohlene Gewaltdrohungen und territoriale Übergriffe an, die in der dritten Etappe einen neuen Weltkrieg auslösen.
Trotz zahlreicher Interessengegensätze innerhalb der staatlichen Bürokratien und privaten Wirtschaftsverbände bleiben die deutschen Zielprojektionen in sämtlichen Phasen konstant: Das eigene Herrschaftsgebiet soll ökonomisch zum "Großraum" und politisch zu "Europa" erweitert werden. "Ergänzungsräume" sind Afrika und Asien.


Die in der deutschen Geopolitik enthaltenen rassistischen Elemente (vgl. 1871-1918: Friedrich Ratzel u.a.) werden von Etappe zu Etappe stärker. Im Endstadium der deutschen Expansion ist dieser Rassismus bestimmend und setzt sich auch gegen Wirtschaftsinteressen durch. Die angeblichen Gesetzmäßigkeiten von "Rasse", "Boden" und "Raum" begeistern die überwiegende Anzahl der deutschen Bevölkerung. In der "Volksgemeinschaft" steigert sich die besondere deutsche Aggressivität zu unvorstellbaren Verbrechen.“[1]

 

Der zweite Anlauf Deutschlands zur Vorherrschaft in Europa und dann der ganzen Welt modifizierte die deutsche Opfer-Täter-Konfiguration der Weimarer Republik einschließlich des zweiten Weltkrieges historisch spezifisch. Nach allem bisher Gesagten sind die Täter-Grundfiguren des zweiten Anlaufs des deutschen Kapitals zur Weltherrschaft nach der einen Seite klar: Der äußere Feind hat uns die Schmach des “Diktats von Versailles” aufgezwungen. Hinter England und USA stehe das kosmopolitische “Internationale Geld-Judentum”, das Deutschland schmählich unten halten will, entgegen seiner “natürlichen” Führungsrolle. Zugleich findet die Verschiebung statt, dass mit Regierungsantritt der SPD die Juden, als personifiziertes „Finanzkapital“, uns unmittelbar regieren und Deutschland beherrschen würden.

 

Zeitgleich war mit der Oktoberrevolution 1917 ein zusätzlicher, neuer, noch schrecklicherer äußerer Erzfeind auf der geschichtlichen Weltbühne erschienen: die Sowjetunion als der erste proletarische Anlauf zu allgemein menschlicher Emanzipation. Das russische Proletariat war unter der politischen Führung der Bolschewiki seiner geschichtlichen Aufgabe nachgekommen. Die Bolschewiki warteten verzweifelt auf die proletarische Revolution in Deutschland, denn die unterentwickelte Sowjetunion war ansonsten zum geschichtlichen Scheitern verurteilt. Doch der Spartakusbund und dann die KPD waren ihrer revolutionären Aufgabe nicht gewachsen. Die Novemberrevolution 1918, den anschließenden offenen (1918 - 1924) und danach latenten (1924 - 1933) Bürgerkrieg entschied die deutsche Bourgeoisie für sich - auf Grund zunehmender eigener Schwäche notgedrungen - durch das Einsetzen der politischen Herrschaft der NSDAP als der national-chauvinistischen Sammlungsbewegung des deutschen Wesens in den Gestalten des deutschen Spießerbürgertums, des deklassierten Angestelltenmilieus, der zwangsproletarisierten Bauern und Handwerker sowie Teilen der Arbeitslosenmasse.

 

Die proletarisch-revolutionäre Bedrohung machte schon in der Endphase des ersten Weltkriegs den frontalen propagandistischen und terroristischen Angriff der deutschen Bourgeoisie auf den inneren Todfeind, die Spartakisten, Kommunisten zwingend notwendig. Die Steilvorlage der SPD, den ersten Weltkrieg als den Verteidigungskrieg gegen die „russischen Barbaren“ zu propagieren, konnte ausgebaut werden zum Todfeind “Bolschewismus”, welcher mit Stumpf und Stil ausgerottet gehörte.[2]

 

Mithin konfigurierte sich mit dem Ende des ersten Weltkriegs als Verschiebungsmuster unverstandener kapitalistischer Ausbeutung der gedoppelte äußere und innere Todfeind: “das internationale Finanz-Judentum und der jüdisch-marxistische Bolschewismus”. Da die Juden (Christengott-gewollt) vaterlandslos gemacht wurden und der Kommunismus seinem Wesen nach die Nationalstaaten überwinden muss, so verschmolz die NS-Propaganda beide Todfeinde zur “jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung”.

 

Antisemitismus, Antikommunismus und Sozialdarwinismus konnten unter den latenten Bürgerkriegs-Verhältnissen der Weimarer Republik propagandistisch soweit greifen, dass das NS-Regime ab ´33 alle “Volksschädlinge” ohne großen Widerstand nach und nach vertreiben, ihrer Existenzgrundlagen berauben, stigmatisieren, isolieren, konzentrieren, durch deutsche Arbeit “umerziehen” oder vernichten konnte. Die Kommunisten und linken Sozialdemokraten waren die Ersten. Die „Endlösung“ der europäischen „Judenfrage“ bedurfte einer längeren Anlaufphase. Doch der “Volksschädlinge”, also der inneren Feinde, gab es so viele, wie man sie sich definierte.

 

Die durch hohen Blutzoll der Arbeiterbewegung erzwungene Volksgemeinschaft des dritten Deutschen Reiches entfachte auf Grundlage dieser Bündelung von Täter-Opferverschiebungen in ganz Europa den furor teutonicus in unvorstellbar barbarischer Form. Der hässliche Deutsche hat sich dadurch in den Geschichtsbüchern verewigt. Das gegenwärtige Echo auf Deutschlands Agieren in der Staatsschuldenkrise speist sich aus jener Zeit.

 

Deutschland vollzog nach 1933 in ungeheurer Breite, Tiefe und Schärfe eine Wende gegen die Moderne. Unübersehbar wurde jene hier vorhin skizzierte ideologische und mentale feudale Spur in der Weltwirtschaftskrise seit 1929 – von den Herrschenden in neuem Gewande propagiert – geschichtsmächtig. In traditionellen Demokratien Westeuropas konnte der antiwestliche ideologische Kurs und die damit einhergehende gesellschaftliche Umsetzung nur als Rätsel erscheinen.

 

Dass ein sich als Kulturnation verstehendes Volk so einen lächerlichen Hans-Wurst freiwillig zum Führer wählen konnte, irritierte. Chaplins Gebaren im Großen Diktator erreichte nie die groteske Aufgeblasenheit im Auftreten, den Omnipotenzwahn in den Vorhaben, die krächzenden pathetischen Anfeuerungsreden an sein Volk, die unterirdische Peinlichkeit intellektueller Niveaulosigkeit des wirklichen Adolf H. Den Deutschen Christen galt er als der neue Heiland und der Erlöser der Deutschen – zeitweise gehörten ein Drittel aller evangelischen Pfarrer des dritten deutschen Reiches dieser Erlöserbewegung an. Hitler ein Mythos?[3]

 

Das Führer-Gefolgschaftsprinzip wurde auf alle Bereiche der Gesellschaft, auf jede Betriebsstätte des gesellschaftlichen Arbeitsprozesses in hierarchischen Abstufungen ausgeweitet – was der deutschen Bourgeoisie sehr zu Gute kam. Befehl und Gehorsam wurden selbstverständlich ohne jedes inhaltliche Hinterfragen vollzogen und standen außerhalb aller Kritik. Das Reich wurde zur Kaserne verwandelt. Deutschland schien von Brüllaffen als Alphatierchen geführt zu werden. Allerorts Antreten zu Appellen, Gleichschritt, Marschieren, Stillgestanden, Hände an die Hosennaht, Hitlergruß und dann Maul auf zum Gruß. Dies war im Bildungswesen und Wissenschaftsbetrieb so wie auch an der Reichsarbeitsfront mit den Unternehmern als Reichswirtschaftsführern.

 

Die ganze Nation wurde in Uniformen gesteckt und marschierte zu Massenaufzügen bei vielen gesellschaftlichen Gelegenheiten auf – wenn möglich im nächtlichen arischen Pechfackelschein. In der Hitlerjugend wurde das Ganze als Lagerfeuerromantik und Räuber-und-Gendarmspiel kindsgerecht verbrämt. Das Denunziationswesen aus niedrigen Bewegungsgründen blühte auf – es hieß: „Halt´s Maul, sonst kommst nach Dachau!“. So viel Eklektisches aus der Dampfküche der damaligen deutschen Volksgemeinschaft – von deren „Auswüchsen“ die Zeitgenossen im Nachhinein „natürlich“ nichts gewusst haben wollten. Der Reigen des germanischen Veitstanzes in dessen ganzer banalen Alltagsfülle kann in seiner Subtilität nur literarisch verarbeitet werden.

 

Offensichtlich stellten die Formen und Rituale mittelalterlicher Zeremonien jenes Gemeinschaftsgefühl von Blutsbande und Bodenhaftung her, das an Stelle der Kühle der modernen Bürgergesellschaften die Regression in die Kuhstallwärme verflossener agrikultureller Verhältnisse ermöglichte. Denn neben den ruinierten Bauernmassen waren das deklassierte Angestelltenmilieu und die Arbeitslosenmassen überwiegend selbst Nachkommen der nach 1870 proletarisierten Bauern- und Handwerkermassen, nicht wenige hatten polnische Arbeitsimmigranten als Vorfahren. Deren Gefühlslage kam das von oben propagierte rasseideologische Phantasma von der höheren Sittlichkeit der „arischen Rasse“ und einhergehender Verachtung der Dekadenz der westlichen bürgerlichen Zivilisation gerade recht, um sich selbst zu erhöhen und sich für jede Art von Hexensabbat legitimiert zu fühlen.[4]

Schon die frühen „Scheiterhaufen“ mit all jenen Büchern, die einen vernünftigen Gedanken enthielten, verwiesen auf jenen Irrationalismus, dem die Volksgemeinschaft zu frönen gedachte. Was als „entartete“ Kunst verschrien wurde und was als „arische Kunst“ übrig blieb, bezeugte die deutsche Sehnsucht nach provinzieller Idylle und Harmonie im Gegensatz zur Zerrissenheit der Moderne, wie sie gerade in der bildenden Kunst der 1920er Jahre explosionsartig Ausdruck fand.

 

Über alle Ebenen der deutschen Volksgemeinschaft herrschte die deutsche Arbeitsideologie, da sich in ihr alle deutschen Ideale von Ordnung, Pflicht und Knechtseligkeit bündelte. Sie wütete sozialdarwinistisch stimuliert gegen selbst definierte Arbeitsscheue, Gesindel, Drückeberger, unnütze Esser mit Selektion, Arbeitslager, Umerziehung, Vernichtung.

 

Die zugespitzten rasse-, sozialdarwinistisch- und arbeitsideologischen Modifikationen der deutschen Ideologie mit ihrem antisemitischen Kern waren die propagandistischen Mittel zum Zusammenschweißen der deutschen Volksgemeinschaft. Diese zugerichtete Volksgemeinschaft, die wie ein Mann hinter ihrem Führer stand, war die notwendige personelle Voraussetzung für den zweiten Neuordnungsversuch Europas durch das dritte deutsche Reich.[5]

 

Was die Kriegsführung der Deutschen im 2. Weltkrieg betraf, so gilt hierfür in gesteigertem Maße, was Marx über den deutsch-französischen Krieg 1870 berichtet: die deutsche Kriegsführung des 2. Weltkriegs empörte durch ihre Rückgriffe auf Willkür- und Schreckensmaßnahmen, verbrannte Erde, Folterorgien nach Art der mittelalterlichen Inquisition, Erschießungs- und Erhängungskommandos nach Art der marodierenden Söldnerheere des 30 jährigen Krieges allerorten. Und entsprechend der erstmals in der Geschichte des Kriegshandwerks umfassend motorisierten Transport-Verbände, gingen frühere Plünderungen zur Versorgung der Truppen über zu umfassenden Raubzügen der Reichswehr und der deutschen Industrie in den usurpierten Ländern.

 

Die geschichtliche Zuspitzung des furor teutonicus war die Umsetzung des eliminatorischen Charakters des Antisemitismus der Deutschen. Im Gegensatz zum latenten Antisemitismus der westlichen demokratischen Nationen auf der Siegerseite der Geschichte projizierten die Deutschen[6] unter dem Propagandafeuer der herrschenden Klasse in der politischen Gestalt der von ihnen ans Ruder gebrachten „arischen“ Horden ihr ganzes nationales Unglück phantasmagorisch auf den Juden. „Die Juden sind unser Unglück!“ „Das Weltjudentum ist der größte Weltkriegstreiber!“ Der seit langem ideologisch konstruierte verinnerlichte Widerspruch von deutscher Arbeitsideologie und jüdischem Dasein kam in der Vernichtung des europäischen Judentums zur schrecklichsten ritualisierten Form seiner Auflösung. Im Begriff der „Endlösung“ bündelte sich der obsessive Charakter des eliminatorischen Antisemitismus der Deutschen.



 

[2]   Woran übrigens alle imperialen Westmächte heftig mitarbeiteten. So kämpften die westlichen Feinde des ersten Weltkriegs ab Ende 1917 Hand in Hand als Interventionstruppen aus insgesamt 28 Ländern unter Einsatz unerdenklichen Terrors gegen die junge Sowjetunion; so griffen die USA erst in den zweiten Weltkrieg ein, als die Rote Armee die deutschen Armeen im Osten vernichtend schlug und die Gefahr bestand, dass die SU eventuell bis zum Rhein, gar Atlantik vorstoßen könnte.


[3]    Kershaw, Ian (1998): Hitler 1889-1936. I.K. versucht im ersten Band seiner Hitlerbiographie, die Vermittlung der kläglichen persönlichen Figur Hitler mit den gesellschaftlichen deutschen Zuständen als Erklärung des Führermythos herzustellen. Trotzki bringt das BRD-deutsch genannte „Faszinosum“ des Führerkults im Portrait des Nationalsozialismus vom Juni 1933 so auf den Punkt: „Der König ist nur darum König, weil sich in seiner Person die Interessen und Vorurteile von Millionen Menschen widerspiegeln.“


[4]    Hier trifft Adornos spätere bittere Bemerkung zu: ein Deutscher sei ein Mensch, der keine Lüge aussprechen könne, ohne sie tatsächlich zu glauben. Dass dies nicht nur damals galt, sondern nach der Wiedervereinigung 1990 wieder verstärkt durch die ideologische Berufszunft neu inszeniert wird, siehe: Joachim Bruhn, Was deutsch ist – Zur kritischen Theorie der Nation, Freiburg 1994.


[5]    Einen Syntheseversuch der zeitgeschichtlichen Forschung der NS-Ökonomie und deren Vorgeschichte legte vor: Adam Tooze, The Wages of Destruction. The Making and Breaking of the Nazi Economy (2006). Der rote Faden verfolgt die Hauptziele der Hochrüstung und des Revisionskriegs gegen die Westmächte als Weg zur Weltmachtrolle. Eine Einschätzung von 2011: Karl Heinz Roth, Wages of Destruction? Adam Toozes Auseinandersetzung mit der Wirtschaftspolitik des deutschen Faschismus Karl-Heinz Roths http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-32892/08_Roth_Toose.pdf


[6]    Den Zusammenhang von den feudalen Spuren, die insbesondere im 19. Jh. aufkochten, mit dem Antisemitismus in Deutschland thematisiert: Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden?: Gleichheit, Neid und Rassenhass, 2011; Die Goldhagen-Debatte unterfüttert die unbeliebte Infragestellung von bloßem „Mitläufertum“ durch erdrückendes Material aktiver Teilhabe des Durchschnitts-Soldaten an Massakern aller Art. Die leidige linke Debatte, dass die „Masse“ Opfer der Manipulation der Bourgeoisie waren und sind, fällt zumindest zurück hinter Kants Erkenntnis von der „selbst verschuldeten Unmündigkeit“ des bürgerlichen Individuums. Zu leicht wird dem tatsächlichen Hass und der Verachtung der Intellektuellen für die „Massen“ und deren speichelleckende bourgeoise Propagandaarbeit von linker Seite mit falscher Inschutznahme der lohnabhängigen Klasse begegnet. Beide Positionen tun so, als ob die „Masse“ nicht nur der Tendenz nach, sondern tatsächlich schon nicht rückkehrbar zu technisch-versierten-Termiten mutiert seien. Beide Positionen sind gleichermaßen unhaltbar einseitig, erstere spricht der „Masse“ jedwede geschichtliche Potenz zur selbstbewussten Selbstständigkeit für immer ab, die zweite überhöht die „Masse“ verbal zwecks Selbstversicherung von deren revolutionären Potenzen ohne zu bemerken, dass sie die „Masse“ dabei zum permanenten Opferlamm degradiert, das dann durch den Klassenkampf wie Phönix aus der Asche steigt. Gerade die Vermittlungen beider Positionen und deren Bruchlinien konkret herauszuarbeiten, wird vonnöten sein, um klassenorientiert ins politische Handgemenge einzugreifen.    

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