9. Die Opfer-Täter-Verschiebungen des ersten Anlaufs Deutschlands zur Weltmacht

In der Periode des ersten Anlaufs des deutschen Kapitals zur Weltmachtstellung lässt sich zumindest eine zweifache Verschiebung der Opfer-Täter-Rollen ausmachen. Die durch Deutschlands wirtschaftlichen Aufstieg nach 1971 geschichtlich bedingte offensiv imperialistische deutsche Täterschaft wird auf England als Täter geschoben, und Deutschland schlüpft hierbei in die komplementäre Opferrolle.

So konnte die mit Blick auf das „deutsche“ Schicksal seit der Lutherzeit gewonnene deutsche Mentalität des vermeintlichen Opfers um 1900 als zu kurz gekommene Kolonialmacht in der agitatorischen Zuspitzung figurieren, dass Deutschland ein “Platz an der Sonne” zustehe und es ihn ohne Wenn und Aber fordern.

Der Täter, der Erzfeind, der dies verhinderte, war England als damalige erste Weltmacht[1]. Dieser äußere Feind hält Deutschland ab, seine natürliche Führungsrolle in der Welt einzunehmen[2].

 

Der potentielle deutsche innere Feind, der Pöbel und dessen Sozialdemokratie entgingen der inneren Feinderklärung Nr. 1 durch ihren Verrat an den proletarischen Massen in Deutschland und international. Die damals mächtigste Partei der 2. Internationale knickte bei den Abstimmungen zu den Kriegsanleihen ein und kollaborierte eifrigst mit dem Klassengegner. Sie entpuppte sich als chauvinistische Hetzerpartei durch Verschiebung ihrer eigenen imperialistischen Täter-Funktion auf den “unzivilisierten” äußeren Feind, den russischen Zarismus.

 

Diese Täter-Opfer-Verschiebungsmechanismen erfuhren ihre zugespitzte ideologische Aufladung durch den wirkungsmächtig gewordenen Sozialdarwinismus[3]: “das Recht des Stärkeren, der Kampf ums Dasein, natürliche Auslese zu einer Weltmachtrolle. Friede als ein menschenunwürdiges Dahinvegetieren, der Krieg als die einzige kulturstiftende, charakterbildende und sittliche Kraft”[4] waren zum allgemeinen ideologischen und psycho-mentalen Kampfgepäck der christlichen, imperialistischen Nationalstaaten geworden.

 

Nach Kriegsbeginn nutzte die Feindpropaganda Frankreichs und Englands den deutschen Überfall auf Belgien, um den Pickelhauben geschmückten hässlichen Deutschen als blutrünstigen Hunnen und Barbaren vorzuführen. Deutschlands Propaganda gegen den Hauptfeind, das „perfide Albion“, war notgedrungen beschränkt auf die Sicherung der Heimatfront. Hierzu zog sie die typisch deutsche Karte, auf despektierliche Art und Weise das angeblich "typisch" angel-sächsische "Geld-Machen" herabzusetzen: „Raffgier“ „Krämerseelen“ „John Bull“ wurde als Schlange und Krake karikiert. Frankreichs gallischer Hahn wurde vom deutschen Reichsadler gerupft.

 

Als die Amis 1917 in den Krieg eintraten, bildete sich der bis heute wirkmächtige Antiamerikanismus offiziell heraus: der „amerikanische“ Kapitalismus ist der Kriegstreiber. Präsident Wilsons Friedensinitiative wurden der Lächerlichkeit preisgegeben. Dem deutschen Reich blieb als imperial „ruhmlosem“ Aggressor nur seine eingebildete, „überlegene“ Kulturnation übrig, um in modifizierten Formen zu versuchen, die Feinde lächerlich zu machen und herab zu würdigen. Das verstanden und verstehen der damalige wie der heutige Michel der deutschen Wertarbeit als Weckruf zum völkischen Schulterschluss, der keine Parteien mehr kennt.

 

Hinter dieser ideologischen Kriegsführung, vor allem gegen das internationale Proletariat und dessen zweite Internationale, verbargen sich sehr genaue, zugleich gegensätzliche ökonomische Kriegsziele der deutschen Bourgeoisie. 

Gemeinsam war allen Varianten von deutschen Kriegszielen die Vorrangstellung einer KERN-europäischen Wirtschaftszone, um die Einflussgebiete des deutschen Industrie- und Bankkapitals entsprechend dessen gewachsener Größenordnung zu erweitern. Dies wird dadurch belegt, dass dieser Krieg auf europäischem Boden mit der sofortigen deutschen Besetzung des neutralen Belgiens begann und im für das deutsche und französische Proletariat mörderischen Angriff gegen Frankreich seine Fortsetzung fand. Durch die Niederwerfung Frankreichs hoffte man, diesen Nachbarn in einen kontinentalen Zollverein zwingen zu können mit einem Mitteleuropa unter deutscher Führung, wie es z.B. Wilhelm II. und Friedrich Naumann vor Augen stand (Kerneuropa-Modell III): von der Nordsee bis zur Adria, Deutschland und Österreich-Ungarn der KERN – wie bei Friedrich List. Hiermit hoffte man zugleich, Frankreich für eine Allianz gegen Englands Interessen im osmanisch ägyptischen Raum (wegen hier der Suezkanal und dort der Ölvorkommen) “gewinnen” zu können. Alles kam ganz anders. England und Frankreich steckten ihre Interessensgebiete in Afrika und Süd-Westasien 1916 im Sykes-Picot-Abkommen ab, zogen am Reißbrett per Lineal (dies ist wörtlich zu nehmen!) die heute noch gültigen Grenzen Afrikas und Süd-Westasiens. Dies besiegelte die Achse Paris-London, die sich 1904 als Entente cordial zur Lösung dieser Interessenkonflikte gegründet hatte, und bildete die Grundlage der deutschen Niederlage.  



[1]    Was den wirtschaftlichen und politischen Aufstieg Chinas und die deutsche Anprangerung der Industriespionage Chinas betrifft, so hier noch ein Bonmot zur deutschen Arbeitsideologie bezüglich 125 Jahre „Made in Germany“: „Sie klauten Ideen, kopierten Produkte und fälschten Qualitätssiegel: Deutsche Unternehmer galten im 19. Jahrhundert als dreiste Industriespione und ihre Produkte als Ramschware. Zum Schutz führten die Briten das Schandsiegel "Made in Germany" ein - und provozierten damit eine erstaunliche Reaktion.“ Dreist, Dreister, Deutschland http://einestages.spiegel.de/s/tb/25406/made-in-germany-vom-stigma-zum-qualitaetssiegel.html


[2]    Mustergültig für die deutsche Selbstüberschätzung stehe der alldeutsche Aufruf zur „Errichtung eines deutschen Weltstaates“: Ernst Hasse, Weltpolitik, Imperialismus und Kolonialpolitik; In: Deutsche Politik, II. Band, 1.Heft, München: Lehmann Verlag, 1908


[3]     Schon 1901, spitzte Ratzel die „Ethik“ des deutschen Imperialismus sozialdarwinistisch als „Kampf ums Dasein“ zu: Friedrich Ratzel, Der Lebensraum. Eine biogeographische Studie, Sonderausg: Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1966

C Schmitt bezog sich in seinem Reichs-Konzept einer europäischen Großraumwirtschaft seit den 1920er Jahren auf Ratzels völkisches „Lebensraum“-Konstrukt. Es wird sich später finden, dass der Begriff der Geopolitik nach 1989 verstärkt ins Vokabular der deutschen Außenpolitik zurückkehrte.


[4]     Friedrich von Bernhardi, Deutschland und der nächste Krieg, 6. Auflage, Berlin/Stuttgart; zitiert nach dem gleichnamigen Buch von Wolfgang Michal, Deutschland und der nächste Krieg, Berlin 1995, S. 12. Michals Buch von 1995 war die erste deutsche Veröffentlichung, welche auf die erschreckende Kontinuität mit den deutschen Neuordnungsplänen für Europa seit 1871 frühzeitig hinwies, in der sich die Kohladministration nach 1989 bewegte und deren politische Kernelemente Michal herausarbeitete.


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